Bulletin

Donnerstag, 20. Juli 2017

Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zur Verleihung des Engagementpreises Mecklenburg-Vorpommern am 18. Juli 2017 in Rostock:

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Ich danke Ihnen nicht nur für die Einladung, heute zu Ihnen zu sprechen, sondern auch für die ungewöhnliche Bühne. Im Zirkus war ich schon oft – vor vielen Jahren, als meine Tochter noch mit mir hingehen wollte. Aber aufgetreten bin ich im Zirkuszelt noch nie. Eine schöne Überraschung! Aber, Frau Ministerpräsidentin, falls mit dem Ort eine Erwartung an meinen Auftritt verbunden sein sollte: Es bleibt bei einer Rede – jonglieren werde ich nicht, und Messerwerfen sollten wir jetzt auch nicht üben.

Viele von Ihnen wissen: Ich bin unterwegs auf meiner Deutschlandreise und Rostock ist jetzt die nördlichste Station! Ich bin unterwegs in unserem Land, unterwegs in alle 16 Bundesländer, und fahre hin zu den Orten unserer Demokratie und vor allem zu den Menschen, die sie mit Leben füllen. Ich fahre dorthin, wo Demokratie in Deutschland gewachsen und gelungen ist – aber auch dorthin, wo sie auf dem Spiel steht, wo es Reibungen gibt und Fliehkräfte am Zusammenleben zerren.

Wenn ich heute nach Mecklenburg-Vorpommern komme, dann erwarten vermutlich so einige der politischen Beobachter, vielleicht auch der Journalisten, die aus der Bundeshauptstadt berichten, dass ich über die Stichworte rede, die mit altbekannten Kontroversen verbunden sind: über demografischen Wandel auf dem Land, über sogenannte "strukturschwache Regionen", über Arbeitsplatzverlust, über Rechtsextremismus, über Kommunalfinanzen und Länderfinanzausgleich.

Über all das wird in Deutschland häufig und kontrovers diskutiert und das zu Recht. Aber ich will heute etwas anderes in den Mittelpunkt stellen, über das viel weniger oft diskutiert wird und das zu Unrecht, nämlich Sie – Sie alle hier – und das, was Sie tun!

Ich will heute diejenigen in den Blick nehmen, die in ihrem Dorf die verrammelte Dorfkneipe oder das alte Herrenhaus oder die verfallenden LPG-Ställe wieder aufpäppeln und zu einem Gemeinschaftsort machen – so wie in Warnkenhagen, Klein Jasedow, in Groß Schwiesow oder in Witzin. Oder die jungen Leute, die gemeinsam anpacken – so wie beim Jugendbeirat Sassnitz, bei der Freiwilligen Feuerwehr Stralendorf oder beim Jugendkreativfestival in Karnitz. Oder die, die sich um alte Menschen in den Dörfern kümmern und sie sogar bis ins Sterben begleiten wie beispielsweise in Eggesin oder Schloss Bernstorf oder Neddemin, und die vielen, vielen anderen, die in ihrer Gemeinde Fußball trainieren, Musik machen, Bienen züchten, Gemeinschaftsgärten anlegen oder – auch davon habe ich gehört – sogar die Karnevalstradition in Mecklenburg-Vorpommern pflegen. Karneval in Mecklenburg-Vorpommern – als meine Mitarbeiter da ungläubig waren, habe ich ihnen gesagt: Es gibt ja auch Segelvereine im Allgäu.

Und natürlich geht es um diejenigen, die nach Feierabend in den Gemeinderat gehen, obwohl das nicht mal in der eigenen Familie populär ist; diejenigen, die den Kopf hinhalten, die den Feinden der Demokratie die Stirn bieten; die Verantwortung tragen – nicht wenige, gerade auf dem Land, in gleich drei oder vier Ehrenämtern auf einmal.

All das verdient viel mehr Aufmerksamkeit. Sie alle sind die wahren Helden des Alltags. Nicht die gehypten Werbefiguren, die "Influencer" von den Internetseiten, verdienen Aufmerksamkeit. Sie verdienen das, und Sie verdienen Wertschätzung. Ihrem Beispiel sollen andere folgen.

Und deshalb soll sich der Scheinwerfer in dieser Manege heute auf Sie richten. Deshalb will ich heute Abend alle in den Blick nehmen, die sagen: "Hier leben wir und hier leben wir gerne – hier in Mecklenburg-Vorpommern, in diesem schönen, weiten Land im Norden. Dieses, unser Land wollen wir lebenswert machen!" Ihnen allen sagen meine Frau und ich heute ganz herzlich Dankeschön für das, was Sie tun – es ist unendlich wichtig!

Einige fragen sich jetzt vielleicht: Weiß der überhaupt, wie das hier wirklich ist bei uns in MV? Ich selbst habe im Deutschen Bundestag acht Jahre lang einen sehr ländlich geprägten Wahlkreis vertreten – zwar nicht in Mecklenburg-Vorpommern, aber nicht weit entfernt, im Westen Brandenburgs. Und deshalb: Ja, ich kenne auch manche Probleme, kenne zum Beispiel diesen schleichenden Prozess, wenn erst ein Betrieb schließen muss, wenn für den Schulbetrieb nicht genügend Kinder nachwachsen, dann auch noch der Einkaufsladen zumacht und die letzte Busverbindung gekappt wird. Da helfen auch nicht erfolgreiche Illustrierte wie "Landlust", um Lust aufs Land zu kriegen.

Als Abgeordneter habe ich gelernt: Politische Patentrezepte gibt es nicht. Aber ich habe noch eins gelernt: Immer braucht es Menschen wie Sie! Es braucht Menschen, die nicht nachlassen, die keine Leere entstehen lassen, in der sich Verzweiflung breitmacht und in die Rechtsextreme und ewig Gestrige dann hineinstoßen. Es braucht Menschen, die anpacken, die andere anstecken, die Lösungen entwickeln, gemeinsam mit Kommune, Land und Bund und oft auch gemeinsam mit Unternehmen, die sich um ihre Stadt oder Region kümmern.

Als Bundespräsident kann ich die Politik nur ermutigen, auf Menschen wie Sie zu setzen! Den Helfern helfen; die stärken, die ihre Heimat stärken – das ist ein guter Ansatz, und deshalb freue ich mich, dass es in Mecklenburg-Vorpommern die Ehrenamtsstiftung gibt. Wie schön, liebe Frau Ministerpräsidentin, dass Sie als eine Ihrer ersten Amtshandlungen letzte Woche in Stralsund die tausendste Förderurkunde der Stiftung überreichen konnten! Ihnen, lieber Herr Holze und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung: Danke für Ihre Arbeit!

Liebe Ehrenamtliche, ich weiß: Der Alltag Ihres Engagements sieht in der Regel nicht so bunt und fröhlich aus wie dieses Zirkuszelt. Nicht wenige von Ihnen erleben Gegenwind – gerade diejenigen von Ihnen, die sich in den letzten zwei Jahren um Flüchtlinge gekümmert haben. Es gibt in diesem Land sogar manche, die machen nicht nur Stimmung gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen Ehrenamtliche, die den Flüchtlingen helfen. Es gibt Leute, die sagen: "Warum helft ihr den Fremden? Wir haben doch selbst genug Probleme!"

Ich will das heute mal geraderücken: Nicht diejenigen müssen sich rechtfertigen, die Solidarität beweisen, sondern diejenigen, die sie verweigern. Sie, liebe Ehrenamtliche, halten diese Gesellschaft beieinander. Wer Solidarität und Vielfalt bekämpft, der hat demokratisches Zusammenleben und das, was ihm zugrunde liegt, nicht verstanden.

Und eines ist völlig klar: Diejenigen, die Ehrenamtliche einschüchtern, die sie und ihre Familien bedrohen, die Menschen angreifen und Brandsätze werfen – ich denke an den Anschlag auf den Demokratiebahnhof in Anklam –, solche Leute gehören nicht in den Heimatverein, sondern vor den Staatsanwalt!

Vor 25 Jahren flogen die Brandsätze in Rostock-Lichtenhagen. Wir haben es nicht vergessen. Dennoch sind Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus alles andere als überwunden, das zeigt der aktuelle Verfassungsschutzbericht. Aber die Rostockerinnen und Rostocker haben den Demokratiefeinden nie das letzte Wort überlassen; und das dürfen wir nirgendwo tun. Am Ende hat das auch nichts mit politischer Gesinnung zu tun, sondern wir haben in ganz Deutschland einen glasklaren Grundsatz: Gewalt ist niemals – und durch keinerlei politische Gesinnung – gerechtfertigt. Ich habe das in anderem Zusammenhang vor wenigen Tagen nach dem G20-Gipfel in Hamburg gesagt: Der Verzicht auf Gewalt in der politischen Auseinandersetzung ist eine Errungenschaft und wir sollten nicht vergessen, unter welchen Schmerzen und nach welchen Irrwegen wir das in Deutschland erst hingekriegt haben. Also lassen Sie uns diese Lektion bitte weder vergessen noch relativieren!

Wir alle leben von der Solidarität mit anderen. In ländlichen Räumen mit weniger Menschen ist Solidarität doppelt wichtig. Viele in Mecklenburg-Vorpommern haben dazu ihre eigenen Lebensgeschichten zu erzählen, die oft weiter zurückreichen als 1990, und diese Geschichten sind wichtig und wertvoll. Gleichzeitig brauchen wir den Nachwuchs im Ehrenamt, junge Menschen, die vielleicht nicht gleich fünf Jahre Vereinskassenwart werden wollen, sondern erstmal beim Dorffest mit dem Laptop helfen. Ich freue mich, dass mittlerweile so viele, so unterschiedliche Menschen ehrenamtlich aktiv sind – Alte, Junge, Zugezogene und Alteingesessene – und dass sie miteinander arbeiten, oft quer über Vereine und Initiativen hinweg. 42 Prozent, fast jeder Zweite ist in Mecklenburg-Vorpommern ehrenamtlich aktiv – ich finde, darauf können Sie stolz sein!

Wer wie Sie zusammenhält, der erhält ein Stück Heimat. Und genau das ist es, wonach sich eine wachsende Zahl von Menschen sehnt – übrigens in allen Teilen unseres Landes, gerade auch in den großen Städten. Ich kenne zum Beispiel einen berühmten Rostocker, der hat zwar gerne im Schloss Bellevue gelebt, aber er hat mir erst letzte Woche mit leuchtenden Augen von seinem Segelboot in Wustrow erzählt.

Der Verlust von Heimat, Orientierungslosigkeit – das ist ein Merkmal unserer Zeit, nicht nur in besonders dramatischer Weise im Schicksal von Geflüchteten, sondern für viele Menschen, die sich überflutet fühlen von den Bildern, die jeden Abend aus aller Welt in unseren Wohnzimmer flimmern, die sich verloren fühlen im Strudel der Globalisierung. Viele fragen sich heute aufs Neue, was Heimat und Identität eigentlich bedeuten in dieser bewegten Zeit.

"Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben", hat Jean Améry einmal geschrieben. Sie hier, Sie alle haben Heimat – und was für eine: die Seelenlandschaften von Mecklenburg-Vorpommern – seine Seen und Wälder, Backsteintürme, Steilküsten, und Wolkenberge.

Von alledem steckt etwas in Ihrem Engagement als Ehrenamtliche. Und mit diesem Engagement sorgen Sie dafür, dass dieses schöne Land Heimat bleibt – lebenswerte Heimat, auch für die, die nach uns kommen. Dafür danke ich Ihnen und gratuliere den Preisträgern des heutigen Abends!

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